Grundschule und Reutlingens erste Ganztagesschule

Demokratie

In der Jos-Weiß-Schule wurden in den letzten Jahren auf verschiedenen Ebenen Strukturen aufgebaut, mit dem Ziel, den Kindern einen adäquaten Umgang miteinander - auch im Konfliktfall - zu vermitteln und dem Miteinander für Lehrer, Mitarbeitern, Kindern und Eltern im Schulleben Raum zu geben.

Eines der Profile der Schule ist es die Kinder an demokratische Lebensformen heranzuführen.

Die Anfänge

Im Jahr 1994 entstand im Anschluss an einen Pädagogischen Tag die Idee, einen Schülerrat an der Jos-Weiß-Schule einzurichten.
In vielen Klassen wurde bereits ein wöchentlicher Klassenrat z.T. unter Schülerleitung praktiziert. Im Schülerrat wurden bald Probleme wie z.B. Raufereien auf dem Schulhof, Sauberkeit und Beschädigungen oder Regelungen für Pausenspiele thematisiert und mittels Briefen an die Schüler und Lehrer weitergegeben.
Von Anfang an haben die Schülerinnen und Schüler wesentliche Bestandteile einer demokratischen Gesellschaft für sich entdeckt: Partizipation und Mitbestimmung, gewaltfreie Konfliktlösung, Verantwortung übernehmen, usw.
Nach der Einrichtung einer Schülerbücherei, die von Schülern initiiert und verwaltet wurde, wünschten sich die Schüler, diese auch in der Pause besuchen zu dürfen. Um die Lehrer bei der Aufsicht zu unterstützen, wurden "Joschis Helfer" gegründet.

Schulverfassung

Seit dem Schuljahr 2004/2005 regelt eine Schulverfassung das Zusammenleben von Lehrern, Schülern, Mitarbeitern und Eltern an der Jos-Weiß-Schule.
Ausgehend von dem vor einigen Jahren entwickelten Leitbild erstellten Lehrer, Mitarbeiter und Eltern im Schuljahr 2004/2005 eine gemeinsame Schulverfassung, die grundlegende Werte, Rechte und Pflichten, sowie wichtige Ziele für alle am Schulleben Beteiligten beinhaltet.
Im Schuljahr 2005/2006 begannen einige Kinder in einer Lernwerkstatt diese Verfassung in eine kindgerechte Form umzugestalten. Im Lauf dieses Schuljahres wird in den Klassen die Kinderverfassung weiter vervollständigt. Beide Formen der Verfassung finden in Form einer ständigen Ausstellung im Schulgebäude einen zentralen Platz. Darüber hinaus sollen immer wieder Inhalte der Verfassung im Unterricht und in der Betreuung aufgegriffen und besprochen werden.

Schulverfassung der Jos-Weiß-Schule, Reutlingen

Die Verfassung der Jos-Weiß-Schule beinhaltet die für uns grundlegenden Werte, Rechte und Pflichten, sowie wichtige Ziele für alle am Schulleben Beteiligten.
  • Präambel
    In unserer Schule leben Menschen unterschiedlicher Nationen, Religionen, Kulturen und sozialer Schichten selbstverständlich, friedlich und in gegenseitigem Respekt miteinander. Es ist unser Ziel alle Schüler und Schülerinnen entsprechend ihren Begabungen und Fähigkeiten zu fördern, zu bilden und zu erziehen.
  • Rechte und Pflichten
    Aus diesen Rechten ergeben sich die Pflichten aller am Schulleben Beteiligten.
    • Das Recht auf Achtung
    • Das Recht auf Bildung
    • Das Recht auf Fürsorge und Betreuung
    • Das Recht auf Mitwirkung und Mitbestimmung
    • Das Recht, die eigenen Fähigkeiten kennen zu lernen, einzuschätzen und einzubringen
    • Das Recht Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen
    • Das Recht auf die deutsche Sprache
    • Das Recht Fehler zu machen und daraus zu lernen
    • Das Recht auf ein Miteinander, in dem jeder seinen Platz finden kann
    • Das Recht gehört zu werden
    • Das Recht in Ruhe zu arbeiten
  • Ziele
    In der Jos-Weiß-Schule bemühen wir uns alle gemeinsam‚ Kinder, Eltern und die in der Schule tätigen Erwachsenen, diese Ziele zu erreichen:
    • Wir gehen freundlich miteinander um. Niemand darf durch Worte oder Taten verletzt werden.
    • Wir achten eigenes und fremdes Eigentum.
    • Wir sind offen für Ideen und Meinungen anderer und vertreten gleichzeitig unsere eigenen Meinungen und Standpunkte.
    • Wir wollen das Selbstwertgefühl aller stärken und Selbstachtung erfahrbar machen.
    • Wir sorgen für eine Atmosphäre ohne Angst und Spott.
    • Wir erkennen unsere eigenen Grenzen und die Grenzen anderer an.
    • Wir begreifen Fehler und Schwächen als Lernchancen.
    • Bei Auseinandersetzungen wollen wir die Beteiligten so unterstützen, dass sie eine befriedigende Lösung finden.
    • Uns ist es wichtig, korrektes Deutsch zu sprechen.
    • Wir gehen fair miteinander um.
    • Wir achten auf Pünktlichkeit.
    • Bei uns beteiligen sich alle, auch die Schüler, aktiv an demokratischen Prozessen.
    • Wir eröffnen für alle vielfältige Möglichkeiten, das Schulleben aktiv zu gestalten.
    • Wir unterstützen und fördern den persönlichen Einsatz, der dem Wohl der Gemeinschaft dient.
    • Wir lernen andere Kulturen und Religionen kennen und achten.
Diese Verfassung wurde am 09.03.05 von der Schulkonferenz beschlossen.
Mittlerweile wurde sie in 11 Sprachen übersetzt und kann hier heruntergeladen werden:

Lebendige Verfassung

Die Schulverfassung der JWS folgt dem Konzept einer "lebendigen Schulverfassung". Das heißt, dass die Schulverfassung nicht einfach nur ein Stück Papier ist, sondern Teil des Schullebens. Alle am Schulleben beteiligten befassen sich immer wieder mit diesem Thema, gestalten es neu, erweitern es und setzen es im Alltag um.

Eltern

  • Die Schulverfassung wird jedes Jahr im ersten Elternabend vorgestellt.
  • Die Eltern erhalten im Anschluss die schriftliche Form und bestätigen ihre Kenntnisnahme und Unterstützung mit ihrer Unterschrift.

Lehrer

  • Erweiterungen und Kommentare sind jederzeit möglich
  • Besprechung in der Klasse im Rahmen des gestalteten Wahlverfahrens
  • Themen der Schulverfassung werden immer wieder in der Gesamtlehrerkonferenz (GLK) thematisiert und evaluiert (Thema „Klassenrat “ in der ersten GLK)
  • Auch die Lehrer bestätigen ihre Unterstützung mit ihrer Unterschrift.

Schüler

  • Besprechung in der Klasse im Rahmen des gestalteten Wahlverfahrens
  • Ordner mit Schulverfassung für jede Klasse
  • Unterschrift als Zeichen der Anerkennung (Ordner, Klassenzimmertür,...)
  • Ordner wird Arbeitsmappe für Klassen – und Schülerrat .

Schülerrat

Der Schülerrat ist so etwas wie der große Bruder des Klassenrats . Hier werden alle 14 Tage Probleme besprochen und gelöst, dier die ganze Schule betreffen, Pausenveranstaltungen organisiert, usw.
Der Schülerrat der Jos-Weiß-Schule besteht aus je zwei gleichwertigen Vertretern aus den dritten und vierten Klassen. Der Schülerrat tagt alle 14 Tage zur selben Zeit im Musiksaal. Diese Stunde ist im Schulvormittag integriert und nicht in eine Randstunde gedrängt. Im Augenblick besteht der Schülerrat aus 12 Kindern, der Schulsozialarbeiterin und einem Lehrer.
Am Anfang kommen die Schülerräte in den Sitzkreis und tragen sich in die vorbereitete Anwesenheitsliste ein. In der Regel eröffnet ein "Blitzlicht" die Sitzung, in dem kurz aus den Klassen berichtet wird. Entweder berichten die Schülerräte konkrete Ergebnisse, wenn sie in den Klassenräten bestimmte Themen besprochen oder abgestimmt hatten, oder sie bringen neue Themenvorschläge ein. Einige Themen der letzten Zeit waren z.B.: die Erstellung eines Planes, welche Klasse in der großen Pause Fußball spielen darf; die Verschmutzung der Toiletten und die Lösung des Problems; Gestaltung und Standort der Schulverfassung im Schulhaus. Zentral dabei sind der Austausch und die Rückbindung zu den Klassenräten. Das ist manchmal langwierig aber wichtig, denn der Schülerrat soll nicht über die Klassen bestimmen sondern ihre Ideen berücksichtigen.
Auffallend ist die große Konzentration der Schülerinnen und Schüler und mit welcher Ernsthaftigkeit sie sich beteiligen. Natürlich verhalten sich die Erstklässler noch zurückhaltender als die Großen, aber nicht minder interessiert. Immer wieder werden kleine Arbeitskreise eingerichtet, die sich um die praktische Umsetzung eines beschlossenen Themas kümmern.

Klassenrat

Beim Klassenrat handelt es sich um den wöchentlichen Austausch innerhalb einer Klasse. Meistens wird der Klassenrat während eines Sitz- bzw. Stuhlkreises zu Wochenbeginn oder -anfang durchgeführt. Die Schüler geben die Themen, die sie gerne besprechen würden selbst bekannt. Hauptsächlich werden klasseninterne Probleme oder Anregungen diskutiert. Zum Beispiel:
  • Thematisierung und Besprechung von Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Schülern
  • Allgemeine Probleme in der Klasse
  • Vorschläge zur Gestaltung des Klassenzimmers o.ä.
Dazu kommen individuelle Themen der einzelnen Klassen. Über alle Entscheidungen wird im Klassenrat abgestimmt. Aber auch für den Schülerrat , das heißt Klassen übergreifend, sollen Anregungen, Vorschläge oder Beanstandungen überlegt und weitergetragen werden.
Meistens wird es in den Klassen so gehandhabt, dass die beiden Schülerräte einer jeden Klasse den Vorsitz und die Leitung des Klassenrates übernehmen. Diese tragen dann die im Klassenrat beschlossenen Anregungen an den Schülerrat weiter.
Im Klassenrat sollen die Schüler also lernen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und diese auch zu akzeptieren.

Wahlverfahren

Wie in jedem demokratischen System wird auch an der JWS gewählt, wenn auch nach einem etwas anderen Verfahren. Schließlich ist Demokratie nicht selbstverständlich und muss erst gelernt werden.
Im Schuljahr 2005/06 wurde an der Jos-Weiß-Schule zum ersten Mal ein gestaltetes Wahlverfahren für den Schülerrat durchgeführt. Ziel dieses Verfahrens war es, die Wahl der Schülerräte gewissenhaft vorzubereiten, so dass es zu einer bewussten und sinnvollen Wahl kommt. In den einzelnen Klassen wurden die Aufgaben, Rechte und Pflichten eines Schülerrates erarbeitet. Dies geschah in verschiedener Intensität und auf verschiedene methodische Arten. Allerdings haben sich die meisten Klassen an den empfohlenen Tipps orientiert:
  • Gemeinsam wird im Klassenverband überlegt, welche Eigenschaften ein Schülerrat haben sollte und welche nicht
  • Die Lehrperson gibt Eigenschaften vor und die Schüler diskutieren darüber, welche für einen Schülerrat wichtig sind und welche nicht.
  • Alle Schüler gestalten ein Werbeplakat für sich, auf dem sie ihre Fähigkeiten präsentieren. Diese Plakate werden im Klassenzimmer aufgehängt.
  • Die Kandidaten präsentieren sich einzeln und beantworten Fragen aus der Klasse.
Dieses Wahlverfahren wurde in den ersten Schulwochen in allen Klassen praktiziert und nach etwa 4 Wochen wurden zum gleichen Zeitpunkt in allen Klassen je zwei gleichberechtigte Schülerräte gewählt.

Joschis Helfer

In einem weiteren Gewaltpräventions-Projekt unterstützen Kinder die Lehrer in den großen Pausen bei der Pausenaufsicht. Sie melden sich dazu freiwillig. Schulintern werden sie "Joschis Helfer genannt und haben die Aufgabe, die übrigen Kinder an die Pausenregeln zu erinnern, in bedrohlichen Konfliktsituationen Hilfe zu holen und darauf zu achten, dass im Schulgebäude nicht getobt wird und sich der Lärm in Fluren und Treppenhaus in Grenzen hält. "Joschis Helfer", die es in einer wenig strukturierten Form schon seit etlichen Jahren gab, werden seit Januar 2005 unregelmäßig und seit Schuljahresbeginn 2005/2006 von einem Lehrer und der Mediatorin in 14-tägigem Rhythmus betreut. In diesen Treffen werden konkrete Vorfälle und Probleme aus den Pausen besprochen und die Kinder zu einer verbesserten Bewältigung angeleitet. Darüber hinaus werden die Helfer in einem strukturierten Trainingsprogramm zur gewaltfreien Konfliktaustragung unterrichtet.
Die Kinder lernen Handlungsmuster für den Umgang mit Wut und Konflikten kennen, üben diese in Form von Rollenspielen ein - unter strikter Vermeidung von Gewaltanwendung.
Das Trainingsprogramm umfasst – ausgehend von Grundlagen der Mediation - zunächst einmal die Streitschlichtung selbst. Darüber hinaus vermittelt es auch elementare Kenntnisse zu Fragen der Kommunikation("Ich/Du–Botschaften", "Zu- und Hin-Hören") und der sozialen Kompetenz, die die Grundlage für einen gewaltfreien Umgang miteinander darstellen. Damit soll systematisch eine verbesserte Binnenwahrnehmung von konfliktbezogenen Gefühlen, gegenseitige Empathie und nicht zuletzt eine Schärfung des (Un-)Gerechtigkeitsempfinden aufgebaut werden.

Konfliktmediation

Seit 2003 wird in der Jos-Weiß-Schule täglich in der großen Pause eine "Anlaufstelle für Konflikte" für Schulkinder und Lehrer angeboten. Ziel dieses Beratungsangebots ist in erster Linie, den Beteiligten auf den Grundlagen der Mediation gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien zu vermitteln und eine befriedigende Lösung für alle Beteiligten zu finden. Die Beratung erfolgt durch eine speziell ausgebildete Mediatorin.

Verlässliche Grundschule

Auch in der verlässlichen Grundschule wird das Demokratiekonzept konsequent umgesetzt, natürlich auf der Grundlage der Schulverfassung.